Anni – Neustart wider Willen
Added 2018-11-23 11:43:49 +0000 UTCVon Zuhause ins Nirgendwo. Von meiner Lieblingsstadt in ein dämliches Kaff. Von Stuttgart nach Barsinghausen! Wie konnten meine Eltern mir das antun?
Kurz vor dem Ende des 12. Schuljahres luden meine Eltern mich zum Essen ein, ich sollte sogar das Restaurant aussuchen. Nichtsahnend, lediglich etwas irritiert, entschied ich mich für das La Bamboo, wo ich zuvor schon mit meiner besten Freundin Stephanie gewesen war. Es war etwas ungewöhnlich, abseits von Feiertagen, Geburtstagen oder irgendeines besonderen Anlasses etwas mit meinen Eltern zu unternehmen, aber gut – wieso nicht, dachte ich in meiner grenzenlosen Naivität.
Nach einem leckeren, scharfen Hauptgericht servierten mir meine Eltern zum Nachtisch den wahren Grund für diese unerwartete gemeinsame Unternehmung: Papa hatte einen neuen Job. Bevor ich, immer noch nichtsahnend, ihm dazu gratulieren konnte, ergänzte Mama: „In Barsinhausen.“ „Ah, cool!“, kommentierte ich etwas verwirrt, in der Annahme, dies sei irgendein kleinerer Ort in der Nähe von Stuttgart, von dem ich noch nie gehört hatte. Papa hatte dort eine leitende Position bei einem Automobilzulieferer angeboten bekommen – und zugesagt. Erst als meine Eltern mich irgendwie schuldbewusst und nervös anschauten und plötzlich nichts mehr sagten, wurde mir bewusst, dass etwas nicht stimmte.
„Und – wo ist das genau?“, fragte ich, während die Alarmglocken endlich zu läuten begannen. „Bei Hannover!“, antwortete Papa, sichtlich bemüht, locker zu klingen. „Wir, naja, wir werden in ein paar Wochen umziehen. Natürlich erst, wenn das Schuljahr zu Ende ist, ganz klar. Mama wird sich dann vor Ort eine neue Arbeit suchen. Meine Firma hat sogar schon eine Wohnung für uns organisiert, besser gesagt, ein Haus! Das wird super. Du hast die obere Etage ganz für dich allein, sogar ein eigenes Bad. Du hast die kompletten Sommerferien Zeit, dich dort einzuleben, die neue Schule soll wirklich gut sein und…“ – aber ich hörte schon gar nicht mehr zu.
Was für ein niederträchtiger Hinterhalt. So ein fieser Trick, mich für diese Hiobsbotschaft extra in ein Restaurant, an einen öffentlichen Ort zu locken. Meine Eltern wussten genau, dass meine eher introvertierte und Fremden gegenüber zurückhaltende Art mich hier daran hindern würde, zu explodieren. Sie anzuschreien, ihnen ihren Egoismus vorzuwerfen und ihre Scheinheiligkeit, mit Türen zu knallen und meinen Tränen freien Lauf zu lassen. Zuhause hätte ich all dies getan. Nicht aber in diesem gut besuchten indischen Restaurant. Ich verfiel in eine Art Trance, meine Ohren summten, alles verschwamm vor meinen Augen. An den Nachhauseweg kann ich mich kaum erinnern. In der Wohnung angekommen, schloss ich mich direkt in meinem Zimmer ein. Meine Eltern sprachen noch eine Weile durch die geschlossene Tür mit mir, aber ich reagierte nicht.
Wie oft hatten sie mir in letzter Zeit gesagt, dass ich nun (so gut wie!) erwachsen sei, Verantwortung übernehmen müsse und immer über alles offen mit ihnen reden könne? Wieso hielten sie sich nicht an ihre eigenen Regeln und trafen diese alles beeinflussende Entscheidung dreist ohne mich? Ich war einfach fassungslos.
In Stuttgart hatte ich mir einen kleinen, aber feinen Freundeskreis aufgebaut. Ich liebte die Stadt, unser Viertel, sogar meine Schule. Ein Jahr vor dem Abitur in eine fremde Klasse, in eine fremde Stadt zu wechseln, könnte mir einfach alles kaputt machen. Ich hatte außerdem vor, in Stuttgart zu studieren, wollte mich im kommenden Jahr in Ruhe informieren, Kurse besuchen, mir ein WG-Zimmer suchen – und zwar ganz bequem vor Ort und nicht aus über 500 Kilometern Entfernung! Inzwischen hatte ich das Kaff Barsinghausen gegoogelt. Klein, nichtssagend, zum Kotzen. Wenn ich doch bloß schon 18 wäre, dann könnte ich einfach bleiben, mich gegen diesen Wahnsinn wehren – aber leider waren es noch ein paar Monate bis zu meinem Geburtstag…
Das Schuljahr ging unweigerlich zu Ende. Direkt für den zweiten Ferientag hatte Papa das Umzugsunternehmen bestellt. Mama war ganz in ihrem Element und hatte bereits eine Woche zuvor schon beinah alles fein säuberlich ausgeräumt, zerlegt und verpackt, während ich noch am Vorabend mit Stephanie auf meinem Bett hockte, zwischen Klamottenbergen und fünf geöffneten, aber so gut wie leeren Kartons – ich konnte mich einfach nicht überwinden, mit Packen anzufangen.
Mama klopfte und steckte kurz den Kopf zur Tür herein. „Annimaus, wenn du Hilfe brauchst sag mir bitte Bescheid, du weißt, bis morgen müssen die Schränke leer sein und ich wollte zumindest dein weißes Regal schonmal auseinander…“ – „Wir machen das schon, Susanne!“, würgte Stephanie sie ab und Mama verschwand sofort wieder. Die vorsichtige, umsorgende Art, mit der sie mich seit dem Umzugsgeständnis behandelte, machte Stephanie und mich wahnsinnig. Allerdings hatte ihr offenkundiges schlechtes Gewissen zu einem kleinen Trostpflaster beigetragen: Nach tagelangen Diskussionen hatten meine beste Freundin und ich meine Eltern davon überzeugt, dass ich mit umziehen und mein Zimmer einrichten, dann aber direkt mit dem Zug wieder nach Stuttgart fahren würde, um den Rest der Sommerferien bei Stephanie zu verbringen. Ich wollte nicht einen einzigen Ferientag an Barsinghausen verschwenden, auch wenn mein Vater nicht müde wurde mir zu erzählen, wie wichtig es wäre, dort schon vor dem Beginn des 13. Schuljahres neue Kontakte zu knüpfen. Vielleicht der Tischtennis-Ferien-AG beizutreten, die Stadt ein bisschen kennenzulernen…Ich gab ihm zu verstehen, dass ich nicht vorhatte, mich dort jemals heimisch zu fühlen. Ich wollte das Schuljahr und vor allem mein Abi irgendwie hinter mich bringen und dann sofort zurück – zurück nach Hause!
Comments
Finde ich super, dass du jetzt Stories schreibst. Ich liebe es Gipsgeschichten zu lesen <3
Robert Pschierer
2018-11-24 19:44:08 +0000 UTCSo schlimm ist barsinghausen garnicht! Ich war da schon öfter 😉😊! Ganz im Ernst: Cooler Anfang, liest sich richtig gut!
Nico
2018-11-24 13:08:53 +0000 UTC