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Anni – Neustart wider Willen | Teil 2

Mein Schulweg dauerte zu Fuß ungefähr 20 Minuten, was mir sehr recht war. Ich denke gern nach, wenn ich laufe – und so ließ ich auch an diesem Freitag die Ereignisse der letzten Zeit nochmal in Gedanken Revue passieren. Ich war jetzt seit zwei Wochen in Barsinghausen und ging seitdem auf das Hannah-Arendt-Gymnasium. Die sechs Wochen Sommerferien, die ich bei Stephanie in Stuttgart verbracht hatte, waren wie im Flug vergangen – wohingegen sich die Zeit jetzt wie Kaugummi zog.
Mit Stephanie hatte ich in Stuttgart einen Wahnsinns-Sommer verbracht, das Wetter war perfekt gewesen, wir waren fast jeden Tag an den See gefahren oder hatten uns mit Freunden im Biergarten getroffen. Trotz der Nähe waren wir uns nicht eine Sekunde auf die Nerven gegangen und hatten euphorisch Pläne geschmiedet, uns nach dem Abi eine gemeinsame WG oder sogar eine Wohnung nur für uns beide zu suchen. Als ich zum Ferienende wieder wegfuhr, fiel mir der Abschied weitaus schwerer als beim eigentlichen Umzug.
Für meine Eltern schien inzwischen ein bislang unentdeckt in ihnen schlummernder Traum vom Vorstadt-Idyll wahr geworden zu sein. Papa hatte dank seines neuen Jobs offenbar nicht nur eine höher bezahlte Position, sondern auch eine bessere Work-Life-Balance und machte, im Gegensatz zu früher, fast immer pünktlich Feierabend. Mama hatte noch keinen neuen Job gefunden und schien damit irgendwie nicht unzufrieden. Sie hatte das Gärtnern für sich entdeckt und befasste sich voller Begeisterung damit, einen Teich anzulegen.
Die beiden widerten mich richtig an. So sehr ich es versuchte, ich konnte ihnen ihr Glück nicht gönnen – schließlich hatten sie mir meines in Stuttgart ebenfalls nicht gegönnt. Seit meiner Ankunft „im Exil“, wie Stephanie und ich meinen neuen Wohnort getauft hatten, gingen meine Eltern und ich bemüht freundlich, aber distanziert miteinander um. Ich war froh, dass sie mich in Ruhe ließen – meine neue Schule beziehungsweise die mit dem Schulwechsel einhergehenden Veränderungen beschäftigten mich nämlich umso mehr.
Mein Stundenplan war recht vollgepackt, an den meisten Tagen hatte ich bis zum späten Nachmittag Unterricht. Das störte mich nicht, denn so musste ich weniger Zeit zuhause mit Mama, der Supergärtnerin, verbringen. An sozialen Kontakten innerhalb meiner Kurse hatte ich allerdings wenig Interesse. Bestimmt gab es da zwei, drei interessante Leute, mit denen ich sicher eine nette Zeit hätte verbringen können; innerlich war ich aber völlig auf Abwehr und Distanz gepolt, was man mir wohl auch äußerlich anmerkte. Und so blieb ich, bis auf etwas Unterrichts-Smalltalk, weitgehend allein. Ich brauchte doch auch niemanden! Beinah jeden Abend telefonierte ich mit Stephanie, was völlig ausreichend war, wie ich mir einredete. Schließlich war diese ganze Barsinghausen-Sache ja auch nur ein kurzes Zwischenspiel, eine unbedeutende Übergangsphase in meinem Leben. Völlig unnötig, sich dafür um neue Kontakte oder gar Freundschaften zu bemühen.
Nach Deutsch, Englisch und Geschichte endete der Freitag mit einer Doppelstunde Sport. In diesem Kurs waren wir ungefähr 25 Schüler und spielten zu Beginn, dank des guten Wetters draußen, in vier Mannschaften Volleyball zum Aufwärmen. Wenigstens war ich nicht als letzte ins Team gewählt worden, dachte ich – ärgerte mich aber kurz danach über mich selbst, denn ich redete mir doch ein, dass mir alles, was in diesem Kaff und an dieser Schule passierte, egal war. Was interessierte es mich also, ob ich zu den „Losern“ gehörte, die keiner in seinem Team haben wollte, oder nicht? Zumal ich beim Volleyball auch wirklich schlecht war.
Nach der Aufwärmphase übten wir an mehreren Stationen verschiedene Leichtathletikdisziplinen. Ich landete als erstes beim Weitsprung und war auch gleich an der Reihe. Der erste Sprung gelang mir richtig gut, sodass ich wohl etwas übermotiviert zum zweiten Anlauf ansetzte. Der Absprung ging irgendwie daneben und als ich im Sand aufkam, knickte ich mit dem rechten Fuß nach innen weg. Ich schrie kurz auf, blieb sitzen wo ich war und hielt mir den Knöchel, durch den ein gemeines Stechen gezuckt war. Als ich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder aufschaute, kniete plötzlich Sebastian vor mir. Mit ihm hatte ich außer Sport auch einige andere Kurse gemeinsam, bislang aber noch kein Wort mit ihm geredet. Allerdings war er mir bereits an meinem ersten Schultag aufgefallen – er war groß, hatte ein irgendwie intelligentes Gesicht mit hellblauen Augen und immer widerspenstig-zerzauste Haare. Kein typischer Mädchenschwarm, aber für mich hatte er eine besondere Ausstrahlung. So besonders, dass ich sogar schon Stephanie am Telefon von ihm erzählt hatte, nachdem sie mich zum Thema „brauchbare Kerle an der neuen Schule“ befragt hatte. Sebastian hielt seine rechte Hand ungefähr zehn Zentimeter über meinen Händen, die meinen Knöchel umklammert hielten. Als würde er sie vorsichtig darauflegen wollen, sich aber doch nicht ganz trauen. Wir schauten uns an – ich hatte Tränen in den Augen durch den Schreck und den Schmerz, der nun zu einem dumpfen Pochen geworden war. Wahrscheinlich dauerte das alles in Wirklichkeit nur zwei Sekunden, mir kam es aber viel länger vor. „Ähm, hast du – hast du dir wehgetan?“, fragte Sebastian. Seine Hand hatte er von meinem Knöchel zurückgezogen und stützte sich damit nun stattdessen am Boden ab. „Bin umgeknickt“, murmelte ich mit erstickter Stimme. In dem Augenblick kam unsere Sportlehrerin mit besorgtem Blick auf uns zugelaufen. „Hey Anni, alles okay?“, rief sie schon von Weitem. Das beendete zum einen diesen kurzen, merkwürdigen Moment, zum anderen schien es einen Impuls in Sebastian auszulösen. Als müsste er mich vor unserer Sportlehrerin beschützen, legte er mir ganz sanft, aber bestimmt den linken Arm um die Schultern. „Sie hat sich wohl den Knöchel verstaucht, ich würde sie mal in die Halle bringen, wenn das okay ist!“, sagte er zu Frau Seidel, die nun neben uns stand. Es klang mehr wie ein Beschluss, nicht wie eine Frage. „Kannst du denn auftreten, Anni?“ – Frau Seidel reichte mir eine Hand. Ich stützte mich auf Sebastian und ließ mich gleichzeitig von unserer Lehrerin hochziehen. „Ich denke, es geht“, antwortete ich etwas gequält. Inzwischen war ich irgendwie peinlich berührt, der Schmerz hatte bereits etwas nachgelassen. Mein Puls hingegen wollte sich einfach nicht beruhigen. „In Ordnung“, sagte Frau Seidel an Sebastian gewandt. „In dem Raum neben der Halle findest du Kühlpacks in dem kleinen Kühlschrank. Lass Anni ihr Bein hochlegen und kühlen, falls es nicht besser wird, rufst du mich, ja?“ Sebastian nickte. Er hatte den linken Arm um meine Taille gelegt und ich stützte mich auf seine Schulter. Langsam humpelte ich so mit seiner Hilfe in Richtung Sporthalle.


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