Anni – Neustart wider Willen | Teil 3
Added 2018-12-07 08:11:14 +0000 UTCIch lag am Montag Abend im Bett und grübelte über das Erlebnis mit Sebastian nach.
Während er mich gestützt hatte, schien er nervös zu sein. Ich war es auch gewesen, denn schließlich kannten wir uns überhaupt nicht – und obendrein fand ich ihn auch noch interessant. Die körperliche Nähe hatte das Ganze nicht unbedingt besser gemacht. Vom Volleyballspiel bei den warmen Temperaturen waren wir beide leicht verschwitzt gewesen, trotzdem hatte er angenehm nach Waschmittel gerochen. Ich hatte inständig gehofft, dass es sich bei mir ähnlich verhielt.
„Sind die Schmerzen schlimm?“, hatte er kurz bevor wir die Tür zur Sporthalle erreichten gefragt. „Ich glaube, es ist schon besser.“, hatte ich erwidert und mich gewundert, dass er daraufhin ein beinah enttäuscht klingendes „Hmm“ von sich gegeben hatte. Drinnen hatte er mich in den von unserer Lehrerin beschriebenen Raum gebracht, wo sogar eine einfache Liege stand. Sebastian hatte mir vorsichtig geholfen, mich darauf zu setzen. „Leg dich doch besser hin, dann können wir dein Bein hochlagern. Ich suche die Kühlpacks.“
Ich war mir so hilflos und unsicher vorgekommen und die Tatsache, dass ausgerechnet Sebastian mir zu Hilfe gekommen war, brachte mich komplett aus der Fassung. In Stuttgart war ich nur zweimal richtig verliebt gewesen und hatte, neben einigen kleineren Flirts und Schwärmereien, bislang auch erst zweimal einen Freund gehabt. Ich war also alles andere als ein alter Hase in solchen Dingen. Aber war diese Situation überhaupt eine „solche“ Situation gewesen? Oder war Sebastian einfach nur ein hilfsbereiter Typ, der zufällig in der Nähe gewesen war, als ich mich verletzt hatte?
Nach kurzer Suche war er fündig geworden und mit den Kühlpacks sowie einem Handtuch zurück zu mir an die Liege gekommen. „Kann ich, ähm, ist es okay für dich, wenn ich dir den Schuh ausziehe? Wir sollten mal nachsehen, ob der Knöchel geschwollen ist.“ Natürlich wäre ich auch selbst in der Lage gewesen, mir den Schuh auszuziehen, hatte aber nur genickt und Sebastian hatte daraufhin meine Schnürsenkel aufgebunden, sie gelockert und mir meinen Sportschuh langsam und sanft vom Fuß gezogen.
„Wieso muss ich ausgerechnet heute diese uralten Sneakersocken anhaben?“, hatte ich verschämt gedacht. Die Socken waren irgendwann einmal weiß gewesen, inzwischen aber eher gräulich und an der Ferse beinah durchgelaufen. Außerdem hatten natürlich auch meine Füße in den Sportschuhen leicht geschwitzt und ich war vor Unbehagen ganz rot geworden. Sebastian hatte mich kurz unsicher angeschaut, mir dann aber auch die Socke vom Fuß gestreift. Zum Glück waren wenigstens meine Füße an sich nicht in irgendeiner Form ungepflegt gewesen. Ich trug zwar keinen Nagellack auf den Zehennägeln, kürzte und feilte sie aber immer gründlich. Während ich mich um die Optik meiner Füße gesorgt hatte, hatte Sebastian das Handtuch zusammengerollt und mein Bein vorsichtig am Schienbein berührt, um mir zu bedeuten, es anzuheben. Dann hatte er das Handtuch unter meinen Fuß geschoben. „Dein Knöchel ist leicht geschwollen, siehst du? Kannst du den Fuß denn bewegen?“ Er hatte meinen Fuß vorsichtig mit einer Hand umfasst und mit der anderen meinen Unterschenkel. Als er die Hand am Fuß leicht bewegt hatte, war wieder ein stärkerer Schmerz durch den Knöchel gezuckt und ich hatte die Zähne zusammengebissen. „Au!“
Sebastian hatte meinen Fuß vorsichtig wieder auf die Handtuchrolle abgelegt und dann zwei Kühlpacks von beiden Seiten auf meinen Knöchel gelegt. Dann war er mir etwas ratlos erschienen. „Vielleicht solltest du zum Arzt, ich kann dich hinfahren!“ Dass er zu den wenigen an der Schule gehörte, die einen Führerschein und ein eigenes Auto besaßen, war mir schon in der ersten Woche an der Schule aufgefallen.
Ich hatte den Arztbesuch jedoch abgelehnt, ich hätte auch gar nicht gewusst, wo ich hin muss – einen Hausarzt hatte ich in Barsinghausen natürlich noch nicht. Also hatte ich mich stattdessen von Sebastian in seinem grauen Polo nach Hause fahren lassen, nachdem der Sportunterricht und somit der Schultag ohnehin zu Ende gewesen war. Auf der Fahrt waren wir lockerer gewesen als zuvor in der Sporthalle, Sebastian hatte mir ein paar Dinge über Barsinghausen erzählt und mir im Vorbeifahren seine Lieblingsbar gezeigt. Bei mir zuhause angekommen hatte er mich bis zur Haustür stützen wollen, aber meine Mutter, die sich natürlich im Garten aufhielt, war ihm zuvorgekommen. So hatte er mir nur meinen Rucksack und meine Sporttasche hinterhergetragen und sich dann verabschiedet. „Am besten gehst du später doch noch zum Arzt!“, hatte er noch einmal gesagt und war gefahren. Doch nach ungefähr zwei oder drei Stunden, in denen ich die Fürsorge meiner Mutter als gar nicht mal so unangenehm empfand, war die Schwellung langsam zurückgegangen und bereits am Freitag Abend konnte ich den Fuß schon wieder vorsichtig belasten. So weit, so gut.
Am Montag, zurück in der Schule, hatte ich Sebastian in der Pause gut gelaunt berichten wollen, dass ich wieder ganz normal laufen konnte. Er hatte jedoch irgendwie desinteressiert und abweisend gewirkt, was mich komplett verwirrte. Am Montag Abend diskutierte ich die Lage mit Stephanie am Telefon.
„Das war sowas von bescheuert, der hat mich dann einfach stehen lassen! Schon als ich auf dem Schulhof auf ihn zugelaufen bin hat er von Weitem irgendwie komisch geschaut…“, beschwerte ich mich. „Wer weiß, vielleicht war der enttäuscht, dass du nicht mehr am Humpeln bist und er dich nicht mehr stützen braucht!“, meinte Stephanie kichernd. „Du bist doof!“, antwortete ich. „Wahrscheinlich hab ich mir einfach nur eingebildet, dass da irgendwas zwischen uns war.“
„Nein, mal im Ernst!“ Stephanie klang nun auch wirklich wieder ernst. „Hast du nicht auch schonmal davon gehört, dass manche Typen irgendwie drauf stehen wenn Frauen hilflos sind? Oder, du hast doch gesagt, er hat dir den Schuh und die schwitzige Socke ausgezogen, vielleicht steht der ja auch auf sowas…?“ „So ein Quatsch!“, rief ich. Doch Stephanies Fantasie war schon immer größer gewesen als meine, ebenso ihr Hang zu verrückten Ideen. Nach einer einstündigen, gemeinsamen Google-Recherche zum Thema „ungewöhnliche Vorlieben“ überredete Stephanie mich zu einem Experiment…
