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Anni – Neustart wider Willen | Teil 4

Langsam näherte ich mich dem Schulgebäude. Wirklich langsam. Unterwegs wäre ich an einer Ampel fast über meine Krücken gestolpert und war froh, dass es niemand gesehen hatte.
Ungefähr eine Woche nach dem bezeichnenden Telefonat mit Stephanie setzte ich ihre verrückte Idee in die Tat um. Sie hatte mir direkt am nächsten Tag ein Paar leuchtend pinke Krücken per Post geschickt, das ihre ältere Schwester vor ein paar Jahren nach einem Bänderriss bekommen hatte. Meine „Mission“ war es nun, damit in der Schule aufzukreuzen und herauszufinden, ob Sebastian darauf reagieren würde.
Seit ich nach meinem Sportunfall wieder fit und unversehrt zum Unterricht erschienen war, hatte er mich zwar gegrüßt, wenn wir uns sahen, schien aber ansonsten nicht an mir interessiert zu sein. Und dabei war er doch so übereifrig und fürsorglich gewesen, als er mich in der Sporthalle verarztet hatte! Ich wollte unbedingt wissen, was es mit all dem auf sich hatte – so sehr, dass ich Stephanies Experiment nach längerer Diskussion zugestimmt hatte.
Schon in der fünften Klasse, als ich mich mit Stephanie angefreundet hatte, war sie aufgedreht, kreativ und extrovertiert gewesen, so ziemlich das genaue Gegenteil von mir. Vermutlich wäre mein Leben ohne sie weitaus langweiliger verlaufen. Immer wieder hatte sie mich zu ungewöhnlichen Unternehmungen verleitet und mich mit ihrer Begeisterung und ihrer fantasievollen Art angesteckt. „Offensichtlich schafft sie das auch heute noch“, dachte ich grinsend, während ich endlich die Schultür erreichte. Einige dort in kleinen Gruppen herumstehende Schüler warfen mir neugierige Blicke zu. Ich hatte mir in der Apotheke eine schwarze Fußgelenk-Bandage besorgt. Diese trug ich nun am rechten Fuß, welchen ich mit Hilfe der Krücken nicht belastete. Links trug ich einen schwarzen Flip Flop, dazu beige Shorts und ein hellblaues Top – es war noch immer sehr warm und sonnig. Die Tür stand offen und ich krückte ins Schulgebäude. In der ersten Stunde hatte ich Geschichte im ersten Stock und musste dazu eine Treppe, zum Glück mit großen Stufen, überwinden. Dennoch stellte ich mich nicht gerade geschickt an, denn da meine Eltern natürlich nichts von dieser bescheuerten Aktion mitbekommen sollten, hatte ich vorher keine Gelegenheit gehabt zu üben. Wackelig und mühsam kämpfte ich mich nach oben, während mich massenweise andere Schüler überholten. Ich beeilte mich zwar, schaffte es aber erst zu meinem Raum, als es bereits zum Unterrichtsbeginn klingelte. Herr Gruber, mein Geschichtslehrer, wollte gerade die Tür schließen, hielt sie mir dann aber mitleidig dreinblickend auf, als ich, völlig außer Atem, davor auftauchte. „Oje, du Arme!“, sagte er, als ich an ihm vorbei zu meinem Platz krückte. „Hast du dir was gebrochen?“ – „Nee.“ Ich wurde mal wieder rot. „Nur eine Zerrung!“, antwortete ich Herrn Gruber und bemühte mich, es nicht zu leise zu sagen. Aus dem Augenwinkel schielte ich zu Sebastian, der in diesem Kurs schräg hinter mir saß und große Augen machte. Ich ließ mich etwas unelegant auf meinen Platz fallen. Meinen bandagierten rechten Fuß legte ich unter dem Tisch auf meinem Rucksack ab und meine Krücken hatte ich neben mir auf den Boden gelegt. Herr Gruber begann seinen Unterricht und schien zu einem langen Vortrag zum Thema Französische Revolution anzusetzen. Ich legte mir einen Block und einen Stift bereit, war aber nicht fähig, dem Unterricht zu folgen. In meinem Rücken spürte ich Sebastians Blick. Nach ungefähr fünf Minuten wurde ich von hinten angetippt. Ich zuckte kurz zusammen und drehte mich unauffällig um. Sebastian schob mir einen zusammengefalteten Zettel über den Tisch, den ich verstohlen nahm und auseinander faltete. „Kommst du nach der 8. Stunde ins Max?“, stand da. Das Max war die Kneipe, die Sebastian mir vom Auto aus gezeigt hatte, als er mich nach meinem Sportunfall nach Hause gebracht hatte. Im Sommer konnte man im Max schön draußen sitzen und viele meiner Mitschüler gingen dort nach der Schule vorbei. Ich hatte an diesem Tag zwar schon nach der 7. Stunde Schulschluss, schrieb aber ein großes „OK“ auf den Zettel. Ich faltete ihn wieder zusammen und reichte ihn Sebastian, als Herr Gruber gerade etwas an die Tafel schrieb.
Vom restlichen Schultag bekam ich nicht viel mit, da meine Gedanken komplett verrückt spielten. Hatte ich Sebastian „enttarnt“? Was hatte es zu bedeuten, dass er mich tagelang ignoriert hatte und kaum kam ich mit bandagiertem Fuß und Krücken in die Schule, wollte er sich mit mir treffen? Hatte er wirklich ein Faible für humpelnde Frauen, Füße oder sogar Fußverletzungen? Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass es so etwas wirklich gab. Und wenn, dann doch nicht bei „ganz normalen“ Leuten!
Nach dem Geschichtsunterricht in der ersten Stunde hatten wir uns kurz angesehen, aber nicht miteinander gesprochen. Ein Kumpel von Sebastian hatte ihn in ein Gespräch verwickelt und sie hatten gemeinsam den Raum verlassen. Die darauffolgenden Kurse hatten wir nicht gemeinsam, sodass ich ihn erst im Max treffen würde.
Als die 7. Stunde endlich vorbei war, machte ich mich auf den Weg und war froh, eine Stunde Vorsprung zu haben. Von der ungewohnten Haltung an den Krücken taten mir die Arme weh und auch das „geschonte“ Bein schmerzte vom ständigen Hochhalten. Dennoch hatte ich das Gefühl, schon etwas flotter voran zu kommen als noch am Morgen. Theoretisch hätte ich auch einfach ein Stück normal laufen können, doch meine Angst aufzufliegen war zu groß.
Nach ungefähr 20 Minuten erreichte ich das Max, wo an den Tischen draußen ein paar vereinzelte Gäste saßen. Es war aber eher leer. Ich setzte mich an einen kleinen Tisch mit vier Stühlen in einer sonnigen Nische, stellte meinen Rucksack auf einen der Stühle und lehnte meine pinken Krücken daran, auf einen anderen Stuhl legte ich meinen bandagierten Fuß hoch. Per WhatsApp hielt ich Stephanie auf dem Laufenden. „Was soll ich denn bloß sagen?!“, tippte ich nervös in mein Handy. „Haben wir doch alles besprochen!“, antwortete Stephanie. „Du bist zuhause erneut mit dem rechten Fuß umgeknickt, hattest furchtbare Schmerzen und deine Mutter hat dich zum Arzt gefahren. Der hat eine Bänderzerrung im Bereich des oberen Sprunggelenks diagnostiziert und dir die Bandage und die Krücken verordnet. Bleib cool, du machst das schon!“
Cool bleiben, von wegen! Ich hatte mir gerade einen Cappuccino bestellt, als Sebastian vor dem Max parkte.

 

Comments

Der Meinung bin ich auch! 😊

Nico

Nette Story - die müsstest du verfilmen!! :)

Trepto Lanese


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