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Anni – Neustart wider Willen | Teil 5

„Anni ist verliiieeeeeebt!“ – Seit meinem Treffen mit Sebastian im Max zog Stephanie mich mit WhatsApp-Nachrichten auf, blöde Sprüche und Unmengen an Herzchen, Knutsch- und Knuddelsmileys poppten alle naselang auf meinem Handydisplay auf. Und hatte sie nicht recht? Als Sebastian im Max angekommen war, hatte mein Herz wie verrückt geklopft. Ich hatte das auf meine bescheuerte Aufmachung mit den Krücken und der Bandage geschoben bzw. die Angst, dass der ganze Schwindel, verbunden mit einer riesigen Peinlichkeit, auffliegen könnte. Aber vielleicht waren es doch Schmetterlinge im Bauch gewesen? Unabhängig von der Frage, wie das Ganze nun zu definieren war, hatte ich einen wahnsinnig tollen und lustigen Nachmittag mit ihm verbracht. Auf die Tatsache, dass er mich in den Tagen zuvor ignoriert hatte, war Sebastian nicht eingegangen – genau so wenig wie auf meine „Zerrung“. Es hatte mich zunächst irritiert, dass er meinen Zustand mit keinem Wort erwähnt hatte, dann hatten wir uns aber so gut unterhalten, dass ich es völlig verdrängt hatte. Ich war komplett von unserer Unterhaltung eingenommen gewesen, hatte von Stuttgart geschwärmt, Sebastian hatte interessierte Fragen gestellt. Wir waren auf gemeinsame Hobbys und Eigenarten gestoßen, hatten herumgealbert und meine natürliche Schüchternheit war innerhalb von Minuten verflogen gewesen. Meinen bandagierten Fuß, den ich wie auf dem Präsentierteller auf dem Stuhl vor mir abgelegt hatte und der inzwischen sogar auf einem zusätzlichen Sitzkissen gebettet gewesen war, das mir die nette Kellnerin gebracht hatte, hatte er nicht mit einem einzigen Blick bedacht. Auch nicht, als ich (dazu hatte Stephanie mich zuvor animiert) immer wieder mit den Zehen gewackelt hatte. Als ich zwischendurch zur Toilette gegangen war und auch, als wir aufgebrochen waren – er hatte mich nach ungefähr vier Stunden nach Hause gefahren – war er zuvorkommend und hilfsbereit gewesen, hatte mir die Krücken gereicht und mir ins bzw. aus dem Auto geholfen. Das alles aber ohne irgendwelche Auffälligkeiten oder gar Bemerkungen.
„Was hat das denn jetzt bloß zu bedeuten?“, hatte ich Stephanie hinterher am Telefon gefragt. „Anscheinend ist er echt ein ganz normaler Typ, ohne irgendeinen Fußfetisch oder Umknickfetisch oder sonst was! Jetzt komme mir total dämlich vor wegen dieser vorgetäuschten Knöchelverletzung.“ „Quatsch!“ – Stephanie sah die Sache mal wieder viel gelassener. „Immerhin hat das Ganze doch wohl trotzdem dafür gesorgt, dass ihr euch getroffen habt, oder nicht?“
Genau diese Frage beschäftigte mich nun rund um die Uhr. Hatte Sebastian mir den Zettel im Geschichtsunterricht nur auf Grund meines Krücken-Auftritts geschrieben oder hätte er es auch einfach so getan? „Wenn ich doch bloß so cool wäre wie Stephanie!“, dachte ich – die hätte ihn wahrscheinlich einfach gefragt. In den Tagen nach unserem Treffen musste ich die Verletzungsnummer natürlich noch eine Weile durchziehen, um glaubwürdig zu bleiben. Zu meinem großen Glück fiel der Sportunterricht in dieser Woche aus, sonst hätte ich womöglich noch ein ärztliches Attest vorlegen müssen, das ich natürlich nicht hatte. Am Samstag beschloss ich jedoch, dass ich nun „geheilt“ sei. Obwohl ich inzwischen wie ein Profi an den Krücken gehen konnte, war ich doch froh, endlich wieder meine normale Bewegungsfreiheit zu haben und nicht mehr aufpassen zu müssen, dass meine Eltern mich in meiner Rolle als Beinversehrte erwischten. Außerdem war ich für Samstag Abend mit Sebastian verabredet – er hatte mich nach dem Nachmittag im Max gefragt, ob wir am Wochenende etwas zusammen unternehmen wollten. Ich hatte natürlich zugesagt und wollte diese peinliche Schauspielerei nun ebenso beenden wie meine zweifelnd-misstrauischen Gedanken. Schließlich schien alles, was ich mir mit Stephanie über Sebastians hypothetischen Fetisch zusammenfantasiert hatte, völliger Blödsinn gewesen zu sein. Dennoch konnte ich schlecht so tun, als sei ich von einem auf den anderen Tag wieder topfit. Also nahm ich mir vor, während unseres Treffens stark zu humpeln, um das Ausklingen meiner „Verletzung“ realistisch darzustellen.

Sebastian holte mich ab und wir fuhren nach Hannover. Eigentlich wollte er mir ein wenig die Stadt zeigen und für danach hatten wir einen Kinofilm ausgesucht, doch schon auf der Fahrt unterhielten wir uns wieder so angeregt wie im Max, weshalb wir kurzerhand beschlossen, auf den Film zu verzichten, denn wir wollten lieber weiter quatschen als stumm auf eine Leinwand zu schauen. Also fuhren wir stattdessen zum Maschsee und spazierten langsam am Ufer entlang. Ich achtete penibel darauf, den rechten Fuß nur ganz leicht zu belasten, obwohl es mir schwer fiel, es nicht zu vergessen – denn inzwischen musste ich mir tatsächlich eingestehen, dass ich in Sebastian verknallt war. Ich mochte die Art, wie er sich durch die ohnehin schon zerzausten Haare fuhr wenn er redete und wie er wild mit den Händen gestikulierte, wenn er mir etwas beschrieb.
Wir sprachen über verschiedene Studiengänge in Hannover und Stuttgart, als Sebastian plötzlich das Thema wechselte. „Du, ähm, mir ist das übrigens echt unangenehm, dass ich dir neulich nach der Sache beim Sport so aus dem Weg gegangen bin.“ Wir liefen gerade über eine Aussichtsplattform am Seeufer, von der eine Treppe zur eigentlichen Uferpromenade führte. Ich schaute überrascht zu ihm auf, während wir weiter nebeneinander her auf die Treppe zugingen. Würde er nun doch noch von sich aus eine Erklärung für sein merkwürdiges Verhalten liefern? Sofort setzten meine fragenden Gedanken wieder ein. Nach einigen weiteren Schritten sah Sebastian mich stirnrunzelnd an. „Du humpelst ja gar nicht mehr!“, stellte er aufrichtig verwundert fest. In dem Moment setzte mein Herzschlag für einen Moment aus, so sehr erschrak ich. Wie dämlich von mir, mir ununterbrochen Gedanken über sein Verhalten zu machen, dabei war ich doch diejenige, die sich falsch verhielt und ihm mit der gespielten Verletzung etwas vorgemacht hatte! Und jetzt würde diese ganze peinliche Sache herauskommen, nur weil ich obendrein zu blöd war, meine Rolle zu Ende zu spielen. „Ich…“, fing ich an. Doch wir waren die ganze Zeit weitergelaufen und inzwischen in der Mitte der Treppe von der Aussichtsplattform angekommen. In dem Moment, als sich der Schock auf Grund meiner Enttarnung in mir ausbreitete, verfehlte ich eine Stufe und knickte auf der nächsten mit dem rechten Fuß um. Ein Knacken war zu hören. Ich schrie. Sebastian machte einen Satz nach vorn, um mich aufzufangen…


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