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Anni – Neustart wider Willen | Teil 6

Schmerzen. Krankenwagen. Mama und Papa am Telefon. Krankenhaus. Röntgen. Fraktur des Außenknöchels. Sebastian…

War das wirklich alles in den letzten beiden Stunden passiert? Oder nahm ich neuerdings Drogen und fantasierte mir diese alberne Geschichte nur zusammen? Mein Kopf fühlte sich dumpf an, als wäre er mit Watte gefüllt. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob das gut oder schlecht war – gut, entschied ich nach einem Blick auf meinen rechten Fuß, der geschwollen und verfärbt auf einem Polster ruhte. Es sah nach schlimmen, schlimmen Schmerzen aus, die ich zum Glück momentan nur minimal wahrnahm. Ich lag auf einer Liege in einem Zimmer, das kein Patientenzimmer war. Nach dem Röntgen hatte mich ein Pfleger hier abgestellt und mir versichert, seine Kollegin sei sofort bei mir. Gerade fragte ich mich, wo eigentlich meine Sachen abgeblieben waren, als die Schwester wie angekündigt hereinkam. „Na, das Schmerzmittel hat Sie aber ganz schön mitgenommen, was?“, sagte sie mitfühlend. „Aber besser etwas duselig im Kopf, als dass Sie die Schmerzen aushalten müssen. Ihre Sachen sind übrigens bei Ihrem Freund, der sitzt im Wartebereich und ist ganz verrückt vor Sorge! Ein richtig schnuckeliger Kerl, den haben Sie sich gut ausgesucht.“ „Oh!“, machte ich. Mehr kriegte ich nicht heraus, mir war als wäre mein Mund ebenfalls mit Watte gefüllt. „Sie kriegen jetzt einen schönen Gipsfuß!“, rief die Schwester beinah vergnügt, während sie eifrig im Zimmer umherlief und offenbar die Vorbereitungen für dieses Vorhaben traf. „Welche Farbe darf’s denn sein?“ Sie hielt mir vier Packungen mit verschiedenfarbigem Verbandsmaterial unter die Nase. „Zwei Minuten haben Sie noch, dann können wir anfangen. Ich hoffe es ist was dabei, das Ihnen gefällt!“ Ich entschied mich für lila.
Ungefähr drei Stunden später prangte mein lila Gipsfuß auf weißem Krankenhausbettzeug. Es war schon nach Mitternacht, ich sollte zur Beobachtung über Nacht bleiben, da ich das Schmerzmittel nicht gut vertragen hatte. Inzwischen ging es mir aber schon besser, bis auf den pochenden Schmerz in meinem Knöchel. Meine Eltern waren bis vor ein paar Minuten da gewesen, ich hatte sie aber überreden können, nach Hause zu fahren und mich am nächsten Vormittag abzuholen. Im Wartebereich hatten sie den aufgelösten Sebastian getroffen, ihn aber offenbar – gemeinsam mit einer Ärztin – überredet, mich etwas später zuhause zu besuchen, da ich mich erst einmal ausruhen sollte. Da es bereits so spät war und ich ohnehin nicht lange bleiben sollte, stand mein Bett in einem mit Stellwänden abgetrennten Bereich auf dem Flur, der um diese Zeit nur minimal beleuchtet war. Ich wollte gerade versuchen, zu schlafen, als ich ein „Psssst!“ von der anderen Seite der Abtrennung hörte. „Anni, bist du da?“, flüsterte Sebastian. „Ja, hier!“, flüsterte ich nach einem gehörigen Adrenalinschub zurück. Sebastian glitt mit einem so komisch wirkenden, einbrecherhaften Schleichschritt auf meine Seite der Stellwand, dass ich kichern musste. Das brachte ihn ebenfalls zum Grinsen und machte die merkwürdige Situation, in der wir uns befanden, um einiges leichter. „Ich dachte, meine Eltern haben dich heim geschickt.“, sagte ich leise. „Ach quatsch, ich konnte doch nicht einfach wegfahren!“, antwortete er beinah empört. „Ich hab gewartet und heimlich beobachtet, aus welcher Richtung deine Eltern kamen als sie gegangen sind, deshalb wusste ich ungefähr, wo du bist! Oh Mann, Anni. Was ist denn bloß…“, setzte er an, während er an mein Bett trat. „Ich hab das mit der Zerrung und den Krücken nur vorgetäuscht!“, fiel ich ihm ins Wort. Ich wollte es einfach hinter mich bringen. Sebastian starrte gedankenversunken auf mich herunter, dann setzte er sich auf die Bettkante. „Das ist mir so peinlich!“, ergänzte ich und hielt mir die Hände vors Gesicht. Wahrscheinlich war ich knallrot, aber das würde man bei der notdürftigen Beleuchtung wenigstens nicht sehen. Sebastian räusperte sich umständlich und fragte dann mit heiserer Stimme: „Aber das – das hast du doch wegen mir gemacht, oder?“ „Mmmmh!“ Ich gab hinter meinen Händen, die ich immer noch vor mein Gesicht hielt, ein bestätigendes Geräusch von mir. „Also…also weißt du, dass ich…?“, fuhr Sebastian fort. Ich nahm die Hände runter und sah ihn mit verzogenem Gesicht an. „Gar nichts weiß ich! Außer, dass das alles schon so bescheuert ist, dass es eigentlich eh nicht mehr schlimmer werden kann. Also sag schon. Stehst du auf humpelnde Frauen oder umgeknickte Knöchel oder Füße im Allgemeinen oder Krücken oder etwa…“ Mein Blick wanderte zu meinem Gipsfuß. Sebastian schluckte, dann sagte er nur: „Ja, ich denke schon!“ Ich blinzelte verwirrt. „Wie, du meinst – auf alles?“ „Ja.“ Sebastian bemühte sich, mir in die Augen zu sehen. „Schon immer. Also jedenfalls, so lange ich mich erinnern kann. Ich weiß, das klingt erstmal…naja. Abartig? Ich hab bis jetzt auch noch mit niemandem darüber gesprochen, außer im Internet. Es gibt erstaunlich viele, denen es genau so geht. Das hat mich irgendwie beruhigt.“ Dass mich das beruhigte, konnte ich so nicht behaupten, aber ich wusste zumindest, dass ich Sebastian nicht abartig fand. „Dann…habe ich dich also tatsächlich…mit meinem Umknicken beim Sport sozusagen angelockt?“, fragte ich. „So würde ich es nicht sagen.“, erklärte er. „Ich fand dich vorher schon interessant, schon seit deinem ersten Tag an der Schule. Aber ich bin ja auch nicht so der Typ, der gleich ankommt und jemanden anquatscht. Als du dann beim Sport umgeknickt bist, da – keine Ahnung. Da ist wohl eine Sicherung bei mir durchgebrannt und ich bin direkt zu dir hin, ohne nachzudenken.“ „Aber wieso hast du mich dann danach plötzlich nicht mehr beachtet?“ Jetzt wollte ich es endlich wissen. „Ach Mann.“ Nun hielt sich Sebastian die Hände vors Gesicht und stützte die Ellbogen auf den Beinen auf. „Das war eben das erste Mal, dass ich meine Vorliebe sozusagen ‚rausgelassen‘ hab und das war mir im Nachhinein extrem unangenehm. Also dachte ich, lieber auf Abstand gehen, bevor es noch rauskommt. Ich mochte dich so oder so, wollte dich aber nicht mit meiner…naja. Mit dieser Sache abschrecken oder so. Aber als du dann eine Woche später mit den Krücken in die Schule kamst, dachte ich, das kann doch nicht wahr sein. Als hättest du einen Köder gelegt.“ „War ja auch so.“, murmelte ich. Ich berührte ihn am Rücken und er nahm nun auch seine Hände wieder vom Gesicht. „Wow, dann hast du dich aber echt gut zusammengerissen im Max.“, meinte ich scherzhaft-anerkennend. „Und du hast echt gut geschauspielert. Wie du an Krücken gehst ist echt der Hammer.“ Der letzte Satz war ihm wohl rausgerutscht, auf jeden Fall wurde Sebastian nun so rot, dass ich es sogar trotz des schlechten Lichts sehen konnte. Ich musste lachen und gleichzeitig gähnen. „Lass uns da doch nochmal in Ruhe drüber sprechen. Ich glaub, ich muss jetzt erstmal schlafen, das Schmerzmittel macht mich immer noch ein bisschen schwindelig.“ „Okay.“ Sebastian stand mit bedrücktem Blick auf und wollte sich zum Gehen wenden. Ich griff nach seiner Hand, zog ihn zu mir und gab ihm einen Kuss.
 

Comments

verfilm das xD

Tobi

Na das schreit aber nach einer Fortsetzung. Jetzt wo das Geheimnis raus ist wäre interessant wie beide damit umgehen und ob Anni ihr Gipsbein vielleicht sogar etwas genießen kann. Schöne Geschichte.

Erik


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